Kevin Brooks: Bunker Diary

Veröffentlicht: März 19, 2014 in 4 Sterne - Lesenswert, Gewalt, Meine Bewertungen, Philosophie, Psychologie, Rezensionen
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Nach „Black Rabbit Summer“ und „iBoy“ ist „Bunker Diary“ das dritte Buch aus einer deutlich größeren Auswahl des britischen (Jugendbuch-)Autors Kevin Brooks, das ich bislang gelesen habe. Brooks wurde für seine Arbeiten schon mit zahlreichen renommierten Preisen ausgezeichnet, unter anderem mehrfach mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis, was andeutet, dass seine Bücher nicht unbedingt mainstreamig angelegt sind. Tatsächlich habe ich die ersten zwei Bücher, die ich von ihm gelesen habe, als „anders“ und „speziell“ empfunden, sie aber gerne gelesen und war deshalb sehr gespannt auf sein aktuelles Werk.

Schon das eintönig in dunklen Grautönen gehaltene Cover von Bunker Diary lässt ahnen, dass der Leser sich nicht auf spektakulär angelegte Action oder heile Welt freuen sollte. Der Plot lässt sich in wenigen Sätzen zusammenfassen: Linus, ein sechzehnjähriger Ausreißer, der seine Gedanken, Erinnerungen und Erlebnisse über etwa zwei Monate hinweg in Tagebuchform niederschreibt, wird eines Tages überfallen, entführt und in einen Bunker gesperrt. Nach und nach folgen weitere Personen, bis sich schließlich insgesamt sechs Geiseln in der unterirdischen Anlage befinden. Niemand weiß, warum man entführt wurde und was aus ihnen werden soll. Es gibt keinerlei Kontakt zur Außenwelt, nicht einmal zum Entführer. Die Geiseln versuchen, mit der Situation klarzukommen, doch der Entführer manipuliert sie, wie es ihm passt.

Ich habe das Buch innerhalb kurzer Zeit durchgelesen; es hat mich gefesselt, aber ziemlich irritiert zurückgelassen. Ganz bewusst habe ich ein paar Tage verstreichen lassen, um die Rezension zu schreiben, weil ich wirklich hin und her gerissen war zwischen WTF? und Ja: Tolles Buch…

Die Idee, wenige, mehr oder weniger willkürliche gewählte Personen aus der Gesellschaft herauszupicken und sie in einer isolierten Lage ihr Leben bewältigen zu lassen, ist nicht nur in der Literatur ein immer wieder auftauchendes Thema. Von Goldings „Herr der Fliegen“ über Suzanne Collins „Hunger Games“ bis hin zu diversen Reality TV Formaten begegnet es uns ziemlich oft.

Kevin Brooks selbst erklärt in seinem Autorenvorwort zum Buch, dass er die Grundidee, Menschen wie Haustiere gefangen zu halten, noch weiter auf die Spitze treiben wollte. Für ihn ging es nur um ein Lebensziel: sich auf die jeweilige Situation zu konzentrieren, zu überleben, egal was passiert, völlig losgelöst von irgendwelchen Sinnfragen. Damit provoziert der Autor, denn insbesondere für ein Jugendbuch kommt die Geschichte extrem düster, beklemmend und hoffnungslos herüber. Anfangs habe ich mich geärgert, dass der Autorenkommentar dem eigentlichen Roman vorangestellt wurde, da für mich damit zu viel vorweggenommen wurde. Mittlerweile kommt es mir fast wie eine Rechtfertigung vor, warum Brooks Linus Geschichte genau so und nicht anders erzählt hat, manchen Empfehlungen seiner Lektoren zum Trotz. Eine Lebenssituation ohne scheinbaren Sinn kann passieren (oder ist die Regel?), aber ein Buch ohne Sinn oder Ziel, das darf nicht sein. So wird die Botschaft der Geschichte dann eben vorweggeschickt.

Mir persönlich war der Blick auf Linus Leben zu deprimierend, um unterhaltend zu sein. Nutzt man die Lektüre eher als Denkanstoß zu philosophischen Fragen, kann ich damit schon deutlich eher etwas anfangen. Ganz ehrlich, ohne Brooks Vorwort hätte ich das Buch als ziemlich entbehrlichen Schubs in die Deprihölle empfunden. Gewollt vom Autor ist aber eher das Gegenteil: ein gnadenlos realistischer Blick auf Leben und Tod mit der Empfehlung, immer das Beste daraus zu machen, denn das Leben ist wertvoll.

Eine abschließende Bewertung von Bunker Diary fällt mir relativ schwer. Sprachlich ist es ein typischer Brooks: Nicht unbedingt poetisch, sondern sehr direkt, ohne Umschweife, mit kurzen, klaren Aussagen. Auch wenn die Charaktere eher minimalistisch beschrieben werden, habe ich zu jedem ein recht deutliches Bild. Anfangs lässt der Autor seinen Hauptprotagonisten täglich in ausführlichen Beschreibungen im Tagebuch über das Bunkerleben berichten, später werden die Abstände zwischen den Einträgen länger und je nach Tagesform auch kürzer. Auch wenn nur wenige Menschen auf sehr engem Raum miteinander klarkommen müssen, findet die unvermeidliche Cliquenbildung mit Macht- und Generationenkämpfen statt. Mal herrscht gähnende Langeweile, mal Verwirrung, dann überschlagen sich wieder die Ereignisse – genau wie im wirklichen Leben.

Wie schon anfangs angedeutet, unterhalten gefühlt habe ich mich durch das Buch nicht, weil es mir einfach zu deprimierend war. Gleichzeitig hat es mich aber auch nicht kalt gelassen. Es hat mich frustriert, geärgert und anschließend zum Nachdenken und Diskutieren angeregt. Tja und wenn das so ist, dann kann es ja auch keine schlechte Lektüre gewesen sein, oder?!

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