Robert M. Freitag: Die Scanner

Veröffentlicht: Juli 20, 2013 in Dystopie, Rezensionen
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In Robs Welt im Jahr 2035 ist alles komplett durchdigitalisiert, Printmedien sind fast vergessene Geschichte und auch im zwischenmenschlichen Bereich läuft kaum noch etwas ohne elektronische Hilfsmittel. Rob stört das nicht weiter, schließlich ist er mit all dem aufgewachsen. Seinen Lebensunterhalt verdient Rob als Scanner in einem Megakonzern: Er geht auf die Suche nach restlichen möglicherweise noch verbliebenen Druckerzeugnissen, Büchern, Flugblättern, Zeitschriften, kauft sie den Lesern ab und digitalisiert sie. So soll theoretisch alles Geschriebene jedem und jederzeit über das Ultranetz zur Verfügung stehen. Da sich das doch eigentlich sehr gut und fortschrittlich anhört, stellt Rob das System nicht in Frage. Ins Grübeln gerät er erst, als er zufällig Kontakt zur Büchergilde, einer verbotenen Organisation aus arbeitslosen Schriftstellern, Journalisten, Übersetzern, Buchhändlern und Verlagsmitarbeitern bekommt. Anfangs denkt er noch, dass er diese „Spinnern“ verraten sollte, um damit viel Geld zu verdienen, doch allein der Kontakt zu der Geheimgruppe macht ihn zum verdächtigen Staatsfeind. Im Kampf um das Monopol um Wissen und Macht wird er plötzlich als Terrorist beschuldigt und muss um sein Leben fürchten.

Von zahlreichen positiven Rezensionen neugierig gemacht und als begeisterter Leser dystopischer Literatur habe auch ich zu Robert M. Sonntags Utopie Die Scanner gegriffen. Der Autor schickt die Leser mit dem Jahr 2035 in keine allzu ferne Zukunft und stellt uns eine Perspektive in Aussicht, die nicht nur auf den ersten Blick überaus realistisch erscheint. Fast alles aus seiner Zukunftsvision kann schon in wenigen Jahren zur Realität werden, falls es nicht bereits eingetreten sein sollte.

Trotz dieses sehr positiven Ansatzes hat mich das Buch zumindest als Unterhaltungslektüre nicht mitgerissen und fasziniert. Mir ist nicht ganz klar, was Robert M. Sonntag (oder besser Martin Schäuble, wie der Autor eigentlich heißt) mit seiner Zukunftsvision erreichen will – Unterhaltung oder umfassende Gesellschaftskritik? Der Unterhaltungsfaktor ist meiner Meinung nach deutlich zu kurz gekommen, da der Plot auf den knapp 180 Seiten relativ einfach gestrickt worden ist und auch die Charaktere sehr flach bleiben. Was die Gesellschaftskritik angeht, ist ihm mit DIE SCANNER schon fast ein Rundumschlag gelungen. Mir ist kaum etwas aufgefallen, bei dem ich gesagt hätte: Ach nee, das kann ich mir jetzt gar nicht vorstellen. Leider hat der Autor sich nicht auf einen Bereich (Laut Titel: Bücher oder ganz allgemein Printmedien) beschränkt und da herum eine Geschichte geschrieben. Zur Digitalisierung von Printmedien gesellen sich noch staatlich vorgeschriebene Familienplanung, Sozialer-Netzwerk-Wahnsinn mit allem was dazu gehört, Vereinsamung trotz hunderter oder tausender virtueller „Freunde“, synthetische Nahrung, vermeintlich schönere virtuelle Welten, die Datenbrille (Mobril), Umgang mit Alter und Tod, Tötung aller Tiere aus Hygienegründen und so weiter und so weiter.

Insgesamt gesehen ist mir das zu viel geworden. Ich lasse mich gerne zum Nachdenken anstupsen, aber wenn ich ständig von Zeile zu Zeile geschubst werde, wird es irgendwann anstrengend, auch wenn der Text ansonsten wirklich leicht geschrieben ist. An der „Digitalisierung der Welt“ und ihren Begleiterscheinungen gibt es bestimmt vieles auszusetzen und so einiges gehört ausgebremst, aber ob tatsächlich alles so ein Horror ist?

Gäbe es keine eBooks, hätte ich DIE SCANNER eventuell nicht gelesen, ohne Computer und Internet diesen Blogbeitrag nicht geschrieben und du ihn nicht gelesen, Vermarktung und Austausch über dieses Buch im Netz würde nicht stattfinden. Dieser Beitrag ist garantiert verzichtbar, die Welt würde sich bestimmt weiterdrehen und es gäbe/gibt sicher auch viele Menschen, die sich DIE SCANNER in Papierform kaufen und mit Freunden darüber sprechen. Aber würde nicht ohne die Digitalisierung des Buches nicht auch ein bisschen etwas fehlen? Mir auf jeden Fall, dir vielleicht auch, dem Autor, dem Verlag, Bücherplattformen, den Buchhändlern und Bibliothekaren?

Ich kann und möchte dieses Buch eigentlich gar nicht gerecht bewerten. Vom Unterhaltungswert her hat es mich persönlich etwas enttäuscht und die Gesellschaftskritik hat mich bei aller Berechtigung ziemlich erschlagen. Trotzdem glaube ich, dass das Buch aufgrund vieler guter Ideen und Ansätze eine interessante und nachdenklich machende Lektüre sein kann.

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