Erin Bowman: Taken – Das Laicos-Projekt 1

Veröffentlicht: Mai 29, 2013 in 4 Sterne - Lesenswert, Abenteuer, Dystopie, Freundschaft, Gewalt, Krieg, Rezensionen
Schlagwörter:, , ,

Jeder Mensch hat eine Vergangenheit, die manchmal dunkel oder trostlos ist, aber vielleicht wiegen die Taten, die er in der Gegenwart bewusst vollbringt, ja viel mehr.
Gray in „Taken“ von Erin Bowman

Claysoot ist ein völlig abgeschiedenes Dorf, umgeben von einer hohen Mauer und ohne jeden Kontakt zur Außenwelt. Dies ist jedoch nicht die einzige Besonderheit des Ortes. In Claysoot gibt es keine erwachsenen Männer. Für alle männlichen Jugendlichen ist ihr 18. Geburtstag gleichzeitig der letzte Tag, den sie lebend im Dorf bleiben dürfen. In einem mysteriösen Ritual, das die Dorfbewohner „Raub“ nennen, verschwinden die jungen Männer. Wer sich gegen dieses furchtbare Schicksal auflehnt und versucht, über die Mauer zu flüchten, stirbt in den Flammen, die jenseits der Mauer auf Flüchtlinge zu warten scheinen.

Auch Gray ist einer der Todgeweihten in Claysoot. Noch hat er ein Jahr Zeit, bevor ihm der Raub bevorsteht. Als sein Bruder Blaine für immer verschwindet, entschließt Gray sich jedoch, nicht tatenlos auf sein Ende zu warten. Auch wenn bislang noch kein Flüchtling die unheimliche Mauer lebendig überwinden konnte, gibt er die Hoffnung nicht auf. Im Dorf hält ihn kaum noch etwas und was hat er schon zu verlieren? Tatsächlich gelingt ihm die Flucht, begleitet von Emma, einem Mädchen aus dem Dorf. Auf der anderen Seite der Mauer werden die beiden Jugendlichen von einer Welt überrascht, die ihre gesamte bisherige Realität auf den Kopf stellt und ihr Leben und ihre Zukunft sind weiterhin in höchste Gefahr.

Taken ist der Debütroman von Erin Bowman und gleichzeitig der Auftakt zu ihrer Dystopie-Reihe „Das Laicos Projekt“. Auch wenn diese Dystopie nicht mit sensationell neuen Ideen aufwartet, fällt sie trotzdem aus der Reihe, da diesmal im Vergleich zu vielen aktuellen Dystopien nicht ein Mädchen im Mittelpunkt steht, sondern mit Gray ein männlicher Protagonist seine Geschichte erzählen darf.

Die Autorin teilt ihr Buch in vier Teile ein, wobei nur der erste Teil, der etwa ein Viertel der Geschichte umfasst, über das Leben im Dorf und innerhalb der Mauer erzählt. Die Rolle der Jungs ist in diesem ersten Teil ziemlich krass. Als Jugendliche tragen sie schon früh Verantwortung für Aufgaben wie zum Beispiel die Jagd, oder Hausbau, doch ihr wichtigster „Job“ ist, für möglichst viel Nachwuchs mit unterschiedlichen Partnerinnen zu sorgen. Zwischenmenschliche Nähe oder womöglich Liebe sind überflüssig, beziehungsweise nicht erwünscht, da die Jungs ja sowieso mit Erreichen ihres 18. Lebensjahres für immer verschwinden und die Frauen und Kinder zurücklassen. Mir hat gefallen, dass Gray auf die Erfüllung dieser Rolle keine Lust hat und trotz Lebensgefahr die Hoffnung nicht aufgibt, dass jenseits der Mauer das Leben noch mehr für ihn bereithalten könnte.

Außerhalb von Claysoot wird für Gray dann tatsächlich alles anders, sogar so anders, dass er sich manchmal zurück in seine gewohnte Umgebung wünscht. Er muss erkennen, dass er wie viele andere nur eine Versuchsratte in einem menschenverachtenden Experiment war, dem Laicos-Projekt. Was es damit auf sich hat, verrate ich nicht, um nicht den Lesespaß zu zerstören. Nur so viel – im Vergleich zu vielen anderen Autorenkollegen nimmt sich Erin Bowman die Zeit, die Welt im Hintergrund und die Zusammenhänge für das Entstehen zu erklären. Faszination an der Wissenschaft und Entsetzen über die möglichen Folgen werden dabei ebenso thematisiert wie skrupellose manipulative Machtmenschen. Auch wenn diese Hintergründe weit weg von „Infodump“ waren, haben sie für mich manchmal den Leseflow zerstört, da mit den Informationen die eigentliche Handlung unterbrochen wurde.

Das einzige, was ich an „Taken“ tatsächlich entbehrlich fand, war die für Dystopien schon fast klischeehafte Dreiecksbeziehung, nur dass diesmal nicht zwei Jungs ein Mädchen anschmachten, sondern der Junge zwischen den Mädchen steht.

Ansonsten hat Erin Bowman meiner Ansicht nach mit Taken einen gelungenen Auftaktband ihrer Debütserie „Das Laicos-Projekt“ ins Rennen geschickt, der mit einem spannenden Plot, interessanten Charakteren und lohnenswerten Denkanstößen punkten kann. Ich freue mich auf die Fortsetzung.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s