Jochen Schmidt: Schneckenmühle

Veröffentlicht: März 7, 2013 in 4 Sterne - Lesenswert, Andere Länder, Freundschaft, Humor, Rezensionen
Schlagwörter:, , , , , , , ,

Es fühlt sich seltsam an, […]. Daß man immer nur das erlebt, was man selbst erlebt, aber daß überall sonst auch etwas stattfindet.
Jens in SCHNECKENMÜHLE von Jochen Schmidt

Sommer 1989 in der DDR – der 14jährige Jens fährt wie jeden Sommer seit seinem sechsten Lebensjahr in das Ferienlager Schneckenmühle in Sachsen. Dieser Aufenthalt wird für ihn ein besonderer sein, denn diesmal gehört er zu den Großen, die zum letzten mal dabei sein dürfen.

Vor der Fahrt denkt er noch mit gemischten Gefühlen an die Fahrt, erinnert sich an gute aber auch an unschöne Ereignisse aus den vergangenen Ferienlagern. Schon bald lebt er sich jedoch sehr gut in Schneckenmühle ein und verbringt die Tage mit spielen, wandern, quatschen und Blödsinn machen. Und dann ist da noch die Sache mit den Mädchen, an die er sich irgendwie nicht so richtig herantraut…

Der Autor Jochen Schmidt erzählt seinen Roman Schneckenmühle aus der Perspektive von Jens. Durch Jens‘ sprunghafte Art kommt kein echter Erzählfluss auf. Wie in einem Kaleidoskop lässt er den Leser mal an seinen Gedanken oder Erinnerungen teilhaben, dann erzählt er über den Tagesablauf in dem Ferienlager und in anderen Momenten werden ganze Dialogpassagen mit seinen Freunden wiedergegeben. Scheinbar ganz nebensächliche Dinge wie Pflaster zuschneiden nehmen für Jens den gleichen Raum ein wie das Verschwinden von Betreuern, die möglicherweise in den Westen geflohen sind. Durch Jens‘ völlig ungefilterte Gedankenflut erfährt der Leser viel über das Leben eines Jugendlichen Ende der 80er in der DDR, obwohl Jens mit seiner Westverwandtschaft und christlichen Verbindungen nicht unbedingt sehr typisch gewesen sein dürfte.

Jens entwickelt sich im Laufe des Jugendlagers, er wird reifer. Von den politischen Entwicklungen außerhalb von Schneckenmühle, den großen Veränderungen, die auf die Wende hinauslaufen, bekommt der Leser gemeinsam mit Jens jedoch nichts oder nur andeutungsweise etwas mit. Als er Schneckenmühle verlassen muss, ist er traurig und ahnt nicht, was ihn in den nächsten Wochen und Monaten möglicherweise erwarten wird.

Auch wenn Schmidts Schreibstil etwas gewöhnungsbedürftig ist, passt er sehr gut zu Jens – sprunghaft, etwas verworren und oftmals voller Humor. Ich habe oft gelacht, aber auch oft den Kopf geschüttelt, nicht nur über Jens‘ (zu große?) Naivität, sondern auch über den beschriebenen Alltag in der DDR. Durch den Klappentext des Verlags hatte ich vermutet/gehofft, dass ich auch mehr über die politischen und gesellschaftlichen Veränderungen im Jahr 1989 erfahren würde. Diese Erwartung wurde enttäuscht. Allerdings muss ich sagen, dass genau das, was Jens erlebt hat, wahrscheinlich sehr viel authentischer ist. Er wird nicht der einzige gewesen sein, der in seiner eigenen Welt gelebt hat und dann von den großen Veränderungen überrascht worden ist…
Schmidts Roman ist meiner Meinung nach für Jugendliche und Erwachsene gut geeignet – 4 Sterne.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s