Angela Mohr: Wach auf, wenn du dich traust

Veröffentlicht: August 7, 2012 in 4 Sterne - Lesenswert, Freundschaft, Gewalt, Psychologie, Rezensionen, Thriller
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Die Welt wird nicht bedroht von den Menschen, die böse sind, sondern von denen, die das Böse zulassen.
Albert Einstein

Cover

Verlag: Arena
Seiten: 256
ISBN: 978-3-401-50406-3

Die 15jährige Jenny lässt sich von ihrer Freundin Debbie zu einem Jugendzeltlager überreden. Eigentlich haben ihre Eltern nicht genügend Geld dafür, da am Haus noch so viel für Renovierungsarbeiten bezahlt werden müsste. Aber sie lassen sich schnell überreden, doch noch zuzustimmen. Jenny sieht in diesem Zeltlager einerseits die Chance, ihren Liebeskummer zu vergessen und andererseits hofft sie darauf, endlich wirklich in die eingeschworene Jugenddorfgemeinschaft aufgenommen zu werden. Obwohl sie schon seit einigen Monaten mit ihren Eltern im Dorf wohnt, gehört sie noch nicht so richtig dazu.

Ihre Hoffnung auf tolle Sommerferien bekommt jedoch schon am ersten Abend einen gehörigen Dämpfer, denn Jenny bemerkt, dass Markus, der Jugendgruppenleiter, sich auf Kosten von Finn, einem der anderen Jugendlichen, wichtig macht. Der Großteil der Gruppe springt begeistert darauf an und macht sich ebenfalls lustig über Finn, während der Rest einfach nur schweigt. Jenny versucht zu helfen, gerät dabei jedoch selbst in die Isolation. Markus gefällt nicht, dass Jenny scheinbar seine Autorität in Frage stellt und hetzt die Jugendlichen gegeneinander auf. Mit jedem Tag wird die Stimmung mehr aufgeheizt bis am Ende die Situation eskaliert…

Die Autorin Angela Mohr beschreibt die Ereignisse während des Zeltlagers aus unterschiedlichen Perspektiven. Mit jedem Kapitel wird jeweils zwischen der Perspektive des allwissenden Erzählers und unterschiedlichen Teilnehmern des Jugendzeltlagers gewechselt. Auch wenn der Leser schon vom ersten Kapitel an weiß, welches Ende das Zeltlager genommen hat (ich schreibe hier aber trotzdem nicht welches), wird die Spannung das ganze Buch über nicht nur hoch gehalten, sondern immer weiter aufgebaut. Mir haben die Perspektivwechsel sehr gut gefallen, in denen man sehr viel über die Ansichten und Beweggründe der jeweiligen Erzähler erfahren konnte. Dieses wurde sehr intensiv durch die besondere Situation, in der die jeweiligen Personen berichten: tolle Idee der Autorin.

Die Geschichte selbst fand ich extrem realistisch. Ein Zeltlager mit knapp zwanzig Jugendlichen aus unterschiedlichen sozialen Schichten, einem Jugendgruppenleiter, der seine Autorität missbraucht und einer betreuenden Sozialpädagogin, die die Stimmungen falsch einschätzt, ist vermutlich nicht zwingend immer das passende Szenario für einen perfekten Sommer. Auch die Beschreibung der Charaktere; den großmäuligen Mobbern, den Mitläufern, den Schweigenden und Wegguckenden und den einsteckenden Losern ist der Autorin sehr gut gelungen. Nicht ganz so gut gefallen hat mir, dass der finanzielle und soziale Status der Jugendlichen gleichbedeutend mit dem Status innerhalb der Jugendgruppe war. Das erscheint mir sehr vereinfacht.

So spannend und gut geschrieben dieser Thriller auf der einen Seite für mich war, so hilflos hat er mich auf der anderen Seite doch zurückgelassen. Sowohl das Zitat von Albert Einstein am Beginn des Buches als auch die Schlusszeile der Autorin machen die Botschaft der Autorin klar, den Aufruf zur Zivilcourage. Die knapp 250 Seiten dazwischen haben mich jedoch an dieser Botschaft zweifeln lassen. Es ist wenig ermutigend, wenn eine Person sich gegen (soziale) Ungerechtigkeit auflehnt, dafür aber brutal bestraft wird, nicht nur durch Ausgrenzung sondern durch buchstäbliche Brutalität. Diejenigen, die zugeschaut oder weggeschaut haben, dürfen ihre nachvollziehbaren (?!) Gründe nennen, die Unterdrückten schwanken zwischen Selbstzweifeln, Selbstmitleid und Hoffnung auf Gerechtigkeit und einige hoffen darauf, dass ihre wahre Rolle in dem Drama nicht auffliegt. Die Person, die Zivilcourage gezeigt hat, muss beinahe dafür mit dem Leben bezahlen, während diejenigen, die ihr das angetan haben, mit in meinen Augen lächerlichen Strafen davonkommen. Wahrscheinlich entspricht so etwas genau der Realität; aber was soll ich für mich daraus mitnehmen?

Angela Mohr ist ein sehr spannender, gut geschriebener Thriller gelungen, der sehr zum Nachdenken anregt. Ich hätte jedoch gerne etwas mehr Optimismus gesehen, ein positives Signal für alle die, die Zivilcourage zeigen möchten. So werden in meinen Augen jedoch eher die in ihrer Meinung gestärkt, die wegsehen und damit auch die, die draufhauen. Deshalb gibt es von mir leider nur vier Sterne.

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