Francesc Miralles: Retrum

Veröffentlicht: Juli 18, 2012 in 4 Sterne - Lesenswert, Freundschaft, Gewalt, Rezensionen
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Cover

Verlag: Loewe
Seiten: 352
ISBN: 978-3-7855-7038-8

Christian lebt seit dem Tod seines Zwillingsbruders Julián allein mit seinem Vater in einem 6 000-Seelen-Dorf in der Nähe von Barcelona. Dieser Tod hat das Ende von Christians bisheriger Existenz bedeutet, denn er fühlt sich für das Unglück verantwortlich. Julián ist gestorben, weil Christian ihn zu einer unerlaubten gemeinsamen Spritztour mit dem Motorrad des Vaters überredet hatte. Schon wenige hundert Meter vom Haus entfernt hatte die Spritztour ein für den Zwillingsbruder tödliches Ende genommen, da Christian zu schnell unterwegs war und dabei einen LKW übersehen hatte.

Die Konsequenz: aus Trauer und Zorn zerbricht die Ehe der Eltern, Christians Vater wird depressiv und Christian selbst wird zu einem Einzelgänger, der mit niemandem spricht, sondern nur auf den Feldern um das Dorf herum und auf dem Friedhof spazieren geht. Seine restliche Zeit verbringt er mit Lernen, klassischer Musik oder englischen Schauerromanen, Jenseitsfantasien gequälter Seelen aus vergangenen Jahrhunderten. Anfangs versuchen die Dorfbewohner und Schulkameraden noch mit extremer Freundlichkeit, Christian aus seiner Lethargie zu reißen, gewöhnen sich aber irgendwann an seine neue Art und lassen ihn in Frieden.

Eines Tages begegnet Christian auf einer seiner Friedhofstouren drei schwarz gekleideten und weiß geschminkten Jugendlichen – Alexia, Lorena und Robert. Christian ist schnell von ihnen fasziniert, besonders von der sehr gut aussehenden Alexia, und schließt sich ihrem „Orden“ Retrum an, der auf Friedhöfen den Kontakt zu Toten sucht. Gemeinsam verbringen sie ganze Nächte auf Friedhöfen und planen sogar eine gemeinsame Europareise, um bekannte alte Friedhöfe zu besuchen. Christian ist völlig in dieser düsteren und melancholischen Welt gefangen, die aber trotzdem anders ist als seine vorherige Einsamkeit. Zusammen mit Alexia hofft er, endlich wieder leben zu können. Doch der Tod macht dem Ganzen ein Ende, denn ein Mitglied von Retrum wird bei einem der Friedhofsbesuche hinterhältig ermordet…

Das Cover des Buches lässt mit seinem Schwarz, den dunklen Grau- und Violetttönen, sowie der Ansicht eines Friedhofs schon erahnen, dass das Buch sehr düster und melancholisch sein wird.

Wer mit Retrum jedoch einen Thriller oder eine Horrorgeschichte erwartet, wird meiner Meinung nach enttäuscht werden. Der Großteil des Buches spielt sich auf Friedhöfen ab, aber es gibt kaum Spannung, keine Geister, Zombies, Vampire, oder ähnliches. Vielmehr erzählt die Geschichte sehr ausführlich die Gefühlswelt von Christian nach dem Tod seines Zwillingsbruders und wie er ungeplant in die ihm einerseits so fremde, aber doch andererseits sehr passende Gothic-Szene hereinrutscht. Liedtexte und Gedichtzitate unterstreichen die melancholische Grundstimmung. Über weite Teile des Buches geschieht eigentlich nicht sehr viel, erst gegen Ende kommt phasenweise etwas Spannung auf und die Geschichte nimmt einige unerwartete Wendungen.

Der Autor erzählt sehr einfühlsam über die Stimmungen seines Protagonisten, der mit Trauer, Schuldgefühlen und Einsamkeit leben muss, die düstere Stimmung wird sehr gut wiedergegeben.

Mich hat das Buch trotzdem nicht 100 % erreicht, da ich für mich weder so richtig den Bezug zu Christian und seinen Emotionen noch zu der Gothic-Szene finden konnte. Wer dafür empfänglicher ist, wird dieses Buch vermutlich verschlingen. Von mir gibt es „nur“ vier Sterne.

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