Cover

Verlag: Heyne
Seiten: 352
Erscheinungsjahr: 2012

Amerika in nicht allzu ferner Zukunft: Bedingt durch den Klimawandel ziehen in nur kurzen Abständen immer wieder Hurrikane, sogenannte Stadt-Killer, über die Golfküste und verwüsten die Küstengebiete. Die Pole sind geschmolzen und durch den dramatischen Anstieg des Meeresspiegels sind die Küstenstädte im Meer versunken, nur die Spitzen der Hochhäuser kommen wie gefährliche Zähne in den Bereich der Meeresoberfläche und gefährden so die Schifffahrt.

Fossile Brennstoffe und andere Ressourcen sind auf der Erde weitgehend verbraucht und die Schere zwischen Arm und Reich geht immer weiter auseinander. Auf der einen Seite gibt es Konzerne, die mit dem Recycling von Rohstoffen ein Vermögen verdienen und auf der anderen bitterarme Menschen, die die Rohstoffe sammeln und an die Konzerne verkaufen, um ihr Überleben zu sichern.

Nailer, die Hauptfigur im Roman Schiffsdiebe, ist ein Teenager, der zur bitterarmen Seite der Rohstoffverwertung gehört. Gemeinsam mit seinem drogensüchtigen und extrem brutalen Vater lebt er in einer Hütte am Strand an der Golfküste. Sein gesamtes Umfeld ist von tiefer Armut und Kriminalität geprägt, Mord, Prostitution sowie Drogen- und Organhandel sind an der Tagesordnung; ein Menschenleben ist nicht viel wert.

Außer mit kriminellen Aktivitäten gibt es an der Golfküste für die Menschen nur noch eine Möglichkeit, ihr Geld zu verdienen: die zahlreichen an der Küste gestrandeten Wracks von Riesentankern. Unter Einsatz ihres Lebens steigen sie als Schiffsbrecher auf die halb versunkenen Schiffe und bergen alle Rohstoffe, die sie retten können. Stahl, Kupferdraht, Elektronikschrott und Altöl werden dann an die reichen Konzerne verkauft. Der Job ist hart, denn nur wer klein und wendig ist und auch in kleine Schächte kriechen kann, ist in einer sogenannten „Leichten Kolonne“ zu gebrauchen oder jemand der besonders groß und kräftig ist und damit für Transport und Weiterverarbeitung verwendet werden kann.

Nailer hat noch vergleichsweise Glück, denn dadurch dass er eigentlich ständig Hunger leiden muss, ist er für sein Alter viel zu dünn und zu klein und kann deshalb noch für eine Leichte Kolonne arbeiten, die nicht nur sein Überleben sichert, sondern auch so etwas wie eine Familie für ihn ist. Ein Unfall auf einem Wrack, den er nur durch viel Glück und auch Verstand überlebt, sorgt dafür, dass ihm Werte wie Leben, Freundschaft, Familie und Loyalität noch einmal genau vor Augen geführt werden. Daher steht er schon wenige Tage später vor einer schwierigen Entscheidung. Nach einem weiteren Hurrikan erreicht Nailer als Erster ein gestrandetes Schiff. Doch neben Rohstoffen und sogar Gold und Silber findet er auch eine Überlebende, die im Bauch des Schiffes gefangen ist. Die Wertgegenstände könnten für ihn eine gesicherte Zukunft bedeuten, doch wenn er auch das Mädchen rettet, wird der wertvolle Fund für ihn möglicherweise verloren sein…

Paolo Bacigalupis Dystopie hat mir ausgesprochen gut gefallen. Die durch den Klimawandel und Rohstoffmangel veränderte Welt ist sehr düster, aber dennoch realistisch dargestellt worden. Auch die wenigen SciFi-Elemente wie die Halbmenschen, gentechnisch „optimierte“ Züchtungen aus Tieren und Menschen, wirken nicht völlig an den Haaren herbeigezogen.

Erschreckend nah an der heutigen Realität ist die Beschreibung der Arbeit auf den als Recycling-Schrottplätzen genutzten Schiffswracks. Dieses extrem harte und gesundheitsgefährdende Leben, bei der Kinder und Jugendliche schutzlos giftigen Dämpfen, Staub und Chemikalien, aber auch Kriminalität und Gewalt ausgesetzt sind, erinnert an das Leben und die Arbeit auf Müllkippen von heutigen Straßenkindern in vielen Dritte-Welt-Ländern.

Die Charaktere, die der Autor beschreibt, sind komplex und glaubwürdig. Auch Nailer ist kein Held mit außergewöhnlichen Fähigkeiten, der immer nur das Richtige tut. Er muss unvorstellbare Entscheidungen treffen und dann auch mit den Konsequenzen leben. Eine klare Trennung zwischen Gut und Böse gibt es nicht. Der Umgangston in „Schiffsdiebe“ ist rau und ruppig und die Wirklichkeit mit all ihrer Brutalität wird schonungslos offen dargestellt.

Ich habe das Buch in wenigen Stunden verschlungen und freue mich schon auf die Fortsetzung, obwohl oder gerade weil es keinen atemberaubenden Cliffhanger gibt. (Die englische Version des 2. Buchs „The Drowned Cities“ wartet schon als eBook auf mich :-)). Dazu wird es dann in Kürze hier mehr geben.

Für alle, die bei einer Dystopie auch (mal) ohne Zuckergussromantik auskommen, sehr empfehlenswert!

PS: Vielen Dank an Dani von www.buchbegegnungen.de und den Heyne Verlag, die mir das Buch im Rahmen der Jugendbuch-Challenge 2012 als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt haben. Auch wenn ich das Buch geschenkt bekommen habe, hat das meine Bewertung nicht beeinflusst, sondern spiegelt aussschließlich meine unvoreingenommene persönliche Einschätzung wider.

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